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Archive for the ‘Grundbedeutung’ Category

Auf der ersten Karte der Großen Arkana sehen wir einen jungen Mann in einer hügeligen Landschaft. Er ist mit einem breitkrempigen Hut und dem bunten Kostüm eines Gauklers bekleidet und steht neben einem großen Stein, auf dem seine magischen Werkzeuge ausgebreitet liegen. Den Zauberstab erhoben, ist er bereit, uns seine Kunststücke vorzuführen. Vielleicht geht es ihm darum, den Fall der Würfel zu beeinflussen, die er gerade wirft. Ganz offensichtlich bereitet es ihm Vergnügen, sein Publikum auf spielerische Weise zu verblüffen. Doch es bleibt unklar, ob seine Kunststücke nur illusionärer Schein sind oder magische Wirklichkeit. Sein Blick ist kaum zu deuten: Während ihm einerseits der Schalk aus den Augen blitzt, scheinen sie gleichzeitig das Wissen um die tiefsten Geheimnisse des Lebens widerzuspiegeln und seine Geste ist ernst und erhaben.

Mag der Magier auch als Mensch erscheinen, so ist die erste Gestalt, der wir auf unserer Reise mit dem Narren gegenübertreten, in Wirklichkeit ein Sohn der Göttin: Es ist niemand anderer als Hermes-Merkur, den wir auf dieser Karte sehen. Im antiken Griechenland und in der römischen Kultur galt er als geflügelter Bote und Wanderer zwischen den Welten. Die Menschen verehrten ihn als Führer der Seelen im Totenreich, Gott der Offenbarungen und Begleiter auf irdischen und spirituellen Reisen. Seine Kunst, die erste, mit der wir uns vertraut machen dürfen, ist die der Magie. Nach außen hin mag sie uns als Taschenspielertrick erscheinen, denn Magie hat immer etwas Leichtfüßiges und Spielerisches an sich. Doch dahinter verbirgt sich die uralte Weisheit von Merkurs Mutter, der Schlangengöttin Maia, die als Großmutter der Magie galt. Von ihr erhielt Hermes-Merkur all sein Wissen und durch sie wurde er zum Boten und Vermittler zwischen den Welten: der himmlischen, der irdischen und der Unterwelt. Wir können uns keinen geeigneteren Führer auf unserer Reise durch die Bilderwelt des Tarot wünschen als ihn, der in allen drei Welten zu Hause ist.

Auf dem Bild hat der Magier seinen Zauberstab erhoben. Mit dem Stab vermag er Energie zu sammeln, sie zu lenken und ihr eine Richtung zu geben. Doch er hält den Stab in seiner linken Hand, nicht in der rechten. Seine Fähigkeit, die Wirklichkeit nach seinen Vorstellungen zu gestalten, ist nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen oder erworbenen Wissens. Sie ist ein direktes Geschenk seiner instinktiven Natur und seiner ursprünglichen Emotionen. Nur durch seine Verbindung mit den aufnehmenden, empfänglichen Seiten seines Wesens und durch die Verwandtschaft zu seiner Mutter Maia entsteht seine magische Kraft. Deshalb trägt er auch den Schlangengürtel, das Zeichen der uralten Göttin.

Der Magier vermag Dinge zu verwandeln oder verschwinden zu lassen. Er verwirrt uns, lässt uns an unseren Sinnen zweifeln – und genau das ist seine Absicht. Mit seinem Verwandlungszauber erinnert er uns daran, dass alles, was wir sehen und wahrnehmen, nur „Maja“ ist: Schein und Illusion. Wir erkennen nicht das Wesen der Dinge, sondern sehen nur Erscheinungsformen der Wirklichkeit. In ihrem Kern aber sind all diese Erscheinungen eins. Nur deshalb ist es dem Magier möglich, jede Substanz in eine andere zu verwandeln. Seine Magie wirkt weniger durch den zielgerichteten Willen als durch Einbildungskraft und Spiel. Wer erfolgreich und wirkungsvoll zaubern will, braucht eine lockere Hand, Neugier und Experimentierfreude sowie viel Humor. Die Fähigkeit, alles für möglich zu halten, ist eine ganz elementare Grundlage jeder magischen Handlung. Aus dem Chaos des Narren kann alles gerufen und geformt werden. Und der Magier ist in der Lage, jederzeit das Unerwartete möglich zu machen und die schöpferische Kraft des immerwährenden Augenblicks zu nutzen.

Die drei Würfel, die aus seiner rechten Hand fallen, verweisen uns auf das spielerische Element des Zufalls. Die Eigenart des Zufalls ist es, einer höheren Ordnung zu folgen, während gleichzeitig jedes einzelne Ereignis unwägbar und unvorhersehbar erscheint. Obwohl wir die Gesetzmäßigkeiten des Zufalls berechnen können, ist es uns mit rationalen Mitteln nicht möglich, kommende Ereignisse zu durchschauen. Dabei verlockt und verzaubert uns gerade der Zufall in vielfältiger Weise; zahllose Glücksspiele und Spielcasinos zeugen von dieser Tatsache. Die Dreizahl der Würfel verweist uns auf die drei Schicksalsgöttinnen, denen wir auf der zehnten Karte des Tarot begegnen werden. Der Magier ist sich der Macht des Schicksals sehr wohl bewusst und dennoch gestaltet und beeinflusst er sein Geschick in jedem Augenblick durch sein magisches Tun.

Dass der Magier in der Lage ist, gegensätzliche Seiten der Wirklichkeit auf kreative Weise zu verbinden, zeigt sich auch in seiner Kleidung. Sein Hut hat die Form einer Lemniskate, einer liegenden Acht. Dieses Symbol repräsentiert die schöpferischen Gegensätze des Lebens, die bis in alle Unendlichkeit kreisen, fließen und sich ineinander verwandeln. Auch die Farbe seiner Kleidung weist diese widersprüchlichen Elemente auf: Das Rot steht für die animalische Energie lebendiger Leidenschaft, für Aktivität und emotionale Ausdruckskraft. Das Blau hingegen repräsentiert die himmlische Energie: Ruhe, Hingabe und seelisch-geistige Aufnahmefähigkeit. Diese beiden Farben sind im Kostüm des Magiers bewusst einander gegenüber gestellt. Sie scheinen gegensätzlich und doch untrennbar miteinander verbunden im ewigen Wechsel von Anziehung und Abstoßung. Durch diesen Kontrast scheint der Magier vor Energie nur so zu sprühen.

Die goldene Krone seines Hutes, die goldene Gürtelschnalle und der Stab in seiner Hand verbinden ihn mit der magischen Sonnenkraft. Das Goldgelb, das ihn schmückt, ist die Farbe des Lichtes und der Erleuchtung. Die Zahl seiner Karte, die Eins, verbindet ihn mit der Kraft des Himmels und des Geistes. Sie symbolisiert die ursprüngliche Einheit hinter der Mannigfaltigkeit, den Ursprung und Ur­an­fang aller Dinge, den Funken, der das Feuer der Wirklichkeit entfacht, und den Samen, in dem alles enthalten ist. Die Eins ist hell, strahlend und alles durchdringend, doch sie kann immer nur in der Beziehung zu einem anderen erfahren werden. Wir Menschen sind nicht in der Lage, die Einheit zu erfassen, sondern brauchen die Zwei der folgenden Karte, um wirklich zu verstehen. Erst im Spiel der Gegensätze erkennen wir den Zauber der Einheit.

Magie im Sinne dieser Karte ist die Kunst der allumfassenden Kommunikation, der kreativen Imagination, der Gestaltung von Wirklichkeit. Um wirkungsvoll Magie weben zu können, müssen wir wissen, was wir bewirken wollen. Von daher verbindet uns diese Karte mit der Erfahrung einer klaren Zielsetzung und der Fähigkeit, die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Dies geschieht nur selten in Form eines magischen Rituals. Viel häufiger ist es die Magie des Alltags, die sich in unserem Denken, unserer Sprache und unserem täglichen Handeln widerspiegelt. Tatsächlich prägen unsere Gedanken und unsere Sprache die Wirklichkeit, in der wir leben, in weitaus größerem Maße als so manches Ritual, denn unsere Taten fließen entlang unseres Bewusstseins.

Die erste Karte fordert uns auf, uns mit dem alltäglichen Handwerkszeug der Magie vertraut zu machen: rufen, locken, beschwören, bannen, binden, lösen, besprechen, wandeln, rasseln, tanzen, summen, lachen und singen – Kommunikation in jeder Form! Es ist die Gabe, die es uns ermöglicht, die Geheimnisse der Elemente zu erkunden und die magischen Werkzeuge, die auf dem Tisch des Magiers liegen, klug zu nutzen. In der Gestalt von Hermes-Merkur verbinden sich Standfestigkeit, Klugheit, Geschicklichkeit und klares Wollen mit spielerischer Leichtigkeit, Freude an der Verwandlung und einer grenzenlosen Heiterkeit – und all diese Gaben stehen uns nun zur Verfügung.

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Die zweite Karte zeigt uns die Gestalt einer reifen Frau, die uns mit wachen, aufmerksamen Augen anblickt. Sie trägt eine kunstvoll geschmiedete Krone aus Silber, geschmückt mit Symbolen der drei Mondphasen. Ihr Haar ist unter einem weißen Schleier verborgen und ihre Kleidung ist die einer Priesterin. Ruhig, gelassen, unerschütterlich sitzt sie auf ihrem Thron und hält in den Händen ein Buch. Es ist, als würde sie schon seit Ewigkeiten dort sitzen, und vermutlich wird sie bleiben, bis die Welt vergeht. Ihr Blick ist aufmerksam, hellwach, ganz da. Sie tut nichts. Sie schaut. Sie sieht. Und sie weiß. In der Stille ihrer Seele scheint sie alle Geheimnisse des Universums zu hüten. Wer ist diese Frau, deren Blick bis auf den Grund unseres Seins vorzudringen scheint?

Die Hohepriesterin ist die Hüterin der weiblichen Weisheit und insofern eng verbunden mit der Göttin Sophia, die noch im frühen Christentum anstelle des Heiligen Geistes als weiblicher Aspekt Gottes verehrt wurde. Manche Deutungen bringen sie mit der jungfräulichen Göttin selbst in Verbindung. Ihre individuelle Persönlichkeit wird kaum sichtbar. Eingehüllt in das Gewand einer Priesterin, das Haar verborgen unter einem Schleier hat sie sich vollständig der Göttin geweiht, ist ganz und gar aufnahmebereit für ihre Botschaften und ihre Weisheit. Nicht umsonst liegt das Buch in ihrem Schoß. Sie ist bereit zu empfangen. Durch ihre vollkommene Offenheit wird sie zum Gefäß für eine Macht, die größer ist als sie. Die Weisheit, die ihr geschenkt wird, bewahrt sie in ihrem Herzen und hütet sie geduldig, bis die Zeit gekommen ist, sie zu offenbaren. Als Priesterin der Sophia beherrscht die Frau auf dem Thron auch die Gabe der Prophetie, der Weissagung und der Orakelkunst.

Der kostbare Silberschmuck auf ihrem Kopf zeigt uns, dass sie ihre Macht und ihre Weisheit ganz und gar durch die dreigesichtige Göttin empfängt. Und genau wie der Magier ist sie in allen drei Welten zuhause: der himmlischen, der irdischen und der Unterwelt. Verwoben mit dem weißen Schleier erinnert ihr Kopfschmuck an ein Ei, das Symbol der Fruchtbarkeit und des neuen Lebens, das im Schutz einer festen Schale heranreifen kann. Die Hohepriesterin ist es, die den göttlichen Funken schöpferischer Eingebung empfängt, schützt und nährt und ihn schließlich – wenn die Zeit gekommen ist – zur Welt bringt. Sie ist das Gefäß der Verwandlung. Durch sie wird der göttliche Geist irdische Wirklichkeit. Darum heißt es in den alten Mythen, dass kein Gott ohne den Geist der weiblichen Weisheit Macht auszuüben vermag.

Der Hohepriesterin geht es nicht darum, die Wirklichkeit zu gestalten oder zu verändern, sondern sie in ihrem tiefsten Inneren zu ergründen. Anders als der Magier greift sie in das Geschehen des Lebens nicht ein, sondern vermag den Ereignissen geduldig und gesammelt ihren Lauf zu lassen im Vertrauen darauf, dass sie einer natürlichen Ordnung folgen. Sie weiß um die natürlichen Zyklen des Lebens und kennt das Geheimnis der Polarität, das sich in der weißen und der schwarzen Säule widerspiegelt: Die Wahrheit der Göttin umfasst immer beide Seiten der Wirklichkeit, die helle und die dunkle. Tag und Nacht, Geburt und Tod, Trauer und Freude, Werden und Vergehen, Jugend und Alter, Mann und Frau, Ebbe und Flut – sie alle sind Spiegelbilder der einen Wirklichkeit. Sie alle sind untrennbar miteinander verbunden und das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Hohepriesterin hält das Buch in ihrem Schoß mit beiden Händen. Sie nimmt die Weisheit der Göttin mit ihrem ganzen Wesen an.

Zwischen den beiden Säulen ist ein roter Schleier gespannt und auch die Säulen selbst werden von blauen Schleiern halb verhüllt. Das Geheimnis der Hohepriesterin liegt im Verborgenen, ist verschleiert und nicht einmal ihr selbst in vollem Umfang bewusst. Das Allerheiligste liegt förmlich hinter ihrem Rücken. Durch neugieriges Fragen, glasklare Erkenntnis und rationale Intelligenz ist es nicht zu enthüllen. Einzig und allein die tiefe innere Erfahrung versetzt uns in die Lage, den Schleier ein kleines Stück zu lüften und einen Blick auf das zu erhaschen, was dahinter verborgen liegt. In der Erfahrung von Menstruation, Empfängnis und Schwangerschaft hat jede Frau an diesem Geheimnis teil.

Die in Kaskaden herabfallenden blauen Schleier und das weit fließende Kleid der Hohepriesterin erinnern an das Element Wasser. Der rote Vorhang in ihrem Rücken erinnert an das fließende Blut. Während der Magier seine Kraft aus dem hellen Sonnenlicht schöpft, ist die Frau auf dem Thron eine Hüterin der Mondkraft: kühl, dunkel, unbeständig, sich verschleiernd, fließend, ständig sich wandelnd. Sie gilt als Verkörperung der Mondseele, als Luna Regia, Königin Mond. Somit ist die Hohepriesterin eng verbunden mit dem wässrigen Element, dem Wandelreich der Gefühle, dem Urgrund allen Lebens. Da sie ganz aus der göttlichen Weisheit und dem Frieden ihrer eigenen Seele schöpft, verkörpert sie vor allem Gefühle der Sanftmut: Geduld, Nachsicht, Güte und Vergebung. In den alten Legenden heißt es, dass Sophia drei Töchter hatte. Ihre Namen waren Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit.

Bei aller Sanftmut des Herzens ist die Hohepriesterin keine schwache, blutarme Gestalt. Als Jungfrau ist sie eine unverheiratete Frau, eine Frau, die nur sich selbst gehört. Wie die Gezeiten, so folgt auch der Rhythmus ihres weiblichen Menstruationsblutes dem Zyklus des Mondes. Jeden Monat erneuert sich ihre Lebenskraft, verwandelt sich ihre Weisheit und wächst ihre Macht. Sie weiß: Der Weg zum Allerheiligsten führt durch das Geheimnis des Blutes.

Die zweite Karte fordert uns auf, zur Ruhe zu kommen und zu lauschen – den Botschaften der Sterne, der Bäume, der Tiere oder der Stimme unseres eigenen Herzens. Indem wir uns den Geheimnissen des Lebens öffnen, können wir ein tieferes Verständnis der Göttlichen Weisheit erlangen. Wo immer diese Karte auftaucht, ist nicht die geeignete Zeit für rasches Handeln. Stattdessen sind Geduld, Langmut und Hingabe von uns gefordert – und die Gabe zu warten. Der rechte Zeitpunkt wird kommen, doch nur wenn wir geduldig darauf warten, können wir den Reichtum ernten, der für uns bereit liegt.

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Die dritte Karte zeigt uns eine wunderschöne, schwangere Frau auf einem Thron, der inmitten einer üppigen, fruchtbaren Landschaft steht, ja, geradezu aus ihr herauszuwachsen scheint. Sie hält ein Zepter in ihrer linken Hand und ein Wappenschild mit einem Adler im rechten Arm. Ihr Kleid ist kostbar bestickt und ihre goldene Krone ist geschmückt mit funkelnden Sternen. Ihre ganze Haltung strahlt Macht, Liebe und Weisheit aus. Nicht umsonst, denn in der Gestalt der Kaiserin begegnet uns die Göttin selbst. Sie ist die Große Mutter, die Lebendige Schöpferin, die über Land und Meer regiert und allem Dasein Fruchtbarkeit verleiht. Das wogende Getreidefeld und die Früchte zu ihren Füßen sind ein Symbol ihrer nie versiegenden Schöpfungskraft. Auch die Linde und die Lilie gelten seit uralten Zeiten als ihre heiligen Pflanzen.

Die Kaiserin repräsentiert die Lebendigkeit, Fruchtbarkeit und Fülle der Natur, ebenso ihre Vielgestaltigkeit und Schönheit. Sie ist die Eine, die Alles ist: Große Gebärerin und Verschlingerin im Tode – die Mutter und Hüterin allen Lebens. Ihre Augen strahlen wie Sterne und ihr Gesicht ist voller Liebe. Doch ist sie nicht nur mild, gütig und sanft. Zu ihrer Weisheit gehört es, dass das Leben sich von Leben nährt und Zerstörung ein Teil des Schöpfungsgeschehens ist. In vielen Mythen gebiert sie einen Sohn, der später den Opfertod stirbt, durch die Unterwelt wandert und schließlich durch die Göttin, seine Mutter und Geliebte, wiedergeboren wird. So spendet sie Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Lust und Schmerz, Freude und Leid in nie versiegender, unerschöpflicher Fülle. Die Alten verehrten sie unter unzähligen Namen: Sie war Isis, Ishtar, Inanna, Astarte, Aphrodite, Demeter, Venus, Juno, Freyja, Kybele, Kali, Lilith – die Eine mit den Tausend Namen.

Auf dem Bild trägt die Kaiserin ein goldenes Zepter, dessen Spitze in den Himmel ragt, während das untere Ende in ihrem Schoß ruht. Sie scheint die unsichtbare, befruchtende Energie des Himmels in sich aufzunehmen und in der Tiefe ihres Leibes in irdisches, sichtbares Leben zu verwandeln. Der Adler in ihrem Arm repräsentiert die umgekehrte Richtung: Er steht für die aufsteigende Energie, die sich nach der Verwandlung von der Erde löst und wieder dem Himmel zustrebt. Auch der goldene Thron, auf dem die Kaiserin sitzt, besitzt die Form eines Flügelpaars. Die Kaiserin verbindet Himmel und Erde, Form und Formlosigkeit, die kreative Gestaltungskraft des Magiers und die Hingabe und Empfänglichkeit der Hohepriesterin. Die Art, wie sie das Wappenschild schützend im Arm hält, zeigt uns, dass diese Verbindung und Vereinigung durch die Liebe geschieht. Ihre Macht kommt von innen, aus der Tiefe ihres Herzens. Allein die Liebe vermag Gegensätze so zu verbinden, dass etwas völlig Neues geboren werden kann.

Das Wirkungsfeld der Kaiserin ist der Alltag, das Leben in der Welt. Sie ruft neues Leben ins Dasein, nährt es mit ihrer Liebe, hegt und pflegt es und begleitet geduldig sein Wachstum. Und sie ist auch diejenige, die das, was sie geboren hat, wieder in die Formlosigkeit zurückruft, wenn seine Zeit gekommen ist. Im Vordergrund steht jedoch auf dieser Karte das kreative Element. Die Geburt eines Kindes, das Anlegen eines Gartens, die Gestaltung eines warmen, nährenden Heimes, sowie alle Arten des künstlerischen Schaffens und der geistigen Inspiration sind ihre Domänen.

Sie ist die Mutter Erde selbst, die uns das Leben in einem irdischen Körper schenkt und uns lehrt, es mit allen Sinnen auszukosten. Ihr spiritueller Weg ist das Leben im Hier und Jetzt, in der Welt der Vielfalt. Ihre Kunst ist das schöpferische Tun: die Fähigkeit, unsere Wirklichkeit immer wieder neu zu erfinden. Die Kaiserin sieht, was ist, sie nimmt es bewusst an und erkennt die Grenzen und Möglichkeiten, die darin enthalten sind. Und gleichzeitig gestaltet sie es nach ihren Wünschen und folgt dabei ganz ihrer intuitiven Eingebung. Schließlich kommt der Zeitpunkt, wo sie das, was sie geschaffen, gepflanzt und gestaltet hat, wieder dem Fluss des Lebens anvertraut, mit dem es nach seinen eigenen Gesetzen wächst und sich weiterentwickelt. So, im ständigen Wechsel von Gestalten und Geschehenlassen, erschafft sie die Welt. Im Gegensatz zum Magier, der mit Illusionen spielt und Wirklichkeit aus dem Chaos ruft, nutzt die Kaiserin das, was da ist. Und im Gegensatz zur Hohepriesterin, die das Wesen der Dinge zwar erkennt, aber nicht verändert, greift die Kaiserin gestaltend und verwandelnd in die Wirklichkeit ein.

Dabei geht es ihr nicht nur um Heim und Familie oder die Früchte der Erde, wenngleich diese ihr besonders heilig sind. Der Adler, den sie so liebevoll umarmt, und ihre Sternenkrone zeigen, dass sie nicht nur die Mutter der Erde, sondern auch die Königin des Himmels ist. Sie fasst alle Kräfte des Lebens zu einer Einheit zusammen, überbrückt den Abgrund zwischen den Welten und lässt auf diese Weise die Funken der Inspiration sinnliche, greifbare Wirklichkeit werden. Wo immer wir also kreative Visionen und Ideen ins Leben rufen, ihnen Form und Gestalt geben und sie in der irdischen Welt sichtbar werden lassen, ist sie unsere Beschützerin und Begleiterin.

Während die Hohepriesterin eher als Hüterin von Geheimnissen auftritt, begegnet uns die Kaiserin ganz offen. Sie sitzt mitten in der Natur, mitten in der Welt. Auf dem Bild scheint sie fast mit der sie umgebenden Natur verwachsen zu sein, ganz und gar eingehüllt in deren üppige Schönheit und Fülle. Auch ihr Haar ist nicht von einem Schleier bedeckt, sondern fällt ihr frei über die Schultern. Doch beide, die Hohepriesterin und die Kaiserin, sind eng miteinander verbunden. Manche Interpretationen sehen in den beiden Karten ein Abbild der Allmutter Demeter und ihrer Tochter Kore, welche die jungfräuliche Weisheit und das heilige Herz der Mutter verkörpert. Die Göttin ist immer beides: sowohl jungfräulich, spirituell und umgeben von Geheimnissen, als auch sinnlich, sexuell und fruchtbar. In jeder Frau sind diese beiden Seiten der Weiblichkeit zu finden, unabhängig davon, auf welche Weise sie sich entscheidet, ihnen Ausdruck zu verleihen.

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Die vierte Karte zeigt uns einen majestätischen Regenten auf seinem Thron. Auf dem Kopf trägt er einen Feldhelm mit einer Krone, zu seinen Füßen lehnt sein Wappenschild mit dem Adler und in seinen Händen hält er die Insignien des rechtmäßigen Herrschers: Zepter und Reichsapfel. Das dreizackige Zepter (die  „fleur-de-lis“) in seiner rechten Hand ist ein Symbol seiner phallischen, lebensspendenden Kraft. Der Reichsapfel in seiner linken ist das Zeichen der Erde und repräsentiert die enge Verbundenheit des Kaisers mit der Macht der Göttin. Er sitzt mit entspannt gekreuzten Beinen auf seinem Thron und zeigt uns sein linkes Profil, also seine gefühlsbetonte, empfängliche Seite. Ganz offensichtlich ist er ein friedvoller Herrscher, denn er trägt keine Rüstung und kein Schwert, und sein Schild dient nicht zum Schutz, sondern als Zeichen seiner Beziehung zur Göttin. Der Helm, den er trägt, und die Stärke seiner rechten Hand im Vergleich zur linken zeigen uns jedoch, dass ihm sein Rang und seine Position nicht in den Schoß gefallen sind. Er hat sie unter großen Anstrengungen und zähem Ringen erworben.

Der Mann, den wir auf dieser Karte sehen, ist der Jahreskönig der alten matriarchalen Kulturen. Die Priesterkönigin und Repräsentantin der Göttin erwählte ihn für die Dauer eines Jahres als Gefährten und rituellen Vertreter der Menschenwelt. Seine Aufgabe war es, sich als Stellvertreter der Menschen in Übereinstimmung mit den Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu bringen und auf diese Weise für Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen. Um dies zu gewährleisten, vollzog er mit der Königin die alten Rituale der Heiligen Hochzeit und des rituellen Opfers. Nur die mutigsten und tapfersten Männer, die sich durch ein hohes Verantwortungsbewusstsein auszeichneten, wurden für diese schwierige und ehrenvolle Aufgabe ausgewählt. Um sich zu beweisen, mussten sie Initiationsaufgaben lösen und sich in Wettkämpfen bewähren. Und sie mussten bereit sein, am Ende des Jahres den Verlust ihrer Macht, mitunter sogar den Tod zu ertragen. Dadurch bezeugte der König seine enge Verbundenheit mit den ewigen Zyklen des Lebens.

Die Beine des Herrschers sind so gekreuzt, dass sie das Zeichen Jupiters oder auch die Zahl Vier darstellen. Die Vier ist die Zahl der sichtbaren, irdischen Welt. Durch sie treten alle Dinge in Erscheinung. So ist sie ein Symbol der Entstehung der Materie durch Verstofflichung des Geistes und die fortwährende Verwandlung von Ideen in Wirklichkeit. Sie steht auch für die abgeschlossene materielle Schöpfung, für Ordnung und Überschaubarkeit. Die vier Himmelsrichtungen ordnen den Raum; die vier Tageszeiten, die vier Jahreszeiten und die vier Phasen des Mondes teilen die Zeit ein. Dem Herrscher kommt die Aufgabe zu, diese Ordnungsprinzipien zu nutzen, um sein Volk zur Blüte zu führen. Er vertritt die weltliche, menschliche Ordnung, die Wachstum und Stabilität ermöglicht. Doch genau wie die irdische Welt ist auch diese Ordnung vergänglich und gilt jeweils nur zu einer gewissen Zeit und an einem bestimmten Ort. Nur wenn der Jahreskönig sich dieser Tatsache bewusst bleibt, kann er seine Aufgabe erfüllen. Seine Haltung zeigt uns, dass er diese Grundwahrheit nicht nur mit dem Verstand begreift, sondern die daraus erwachsende Verantwortung mit seinem ganzen Sein, mit Körper, Geist und Seele annimmt.

Wir sehen auf der Karte, dass das Königreich dieses Herrschers kulturell in hoher Blüte steht. Seine helmförmige Krone ist elegant geschwungen, sein Thron und sein Schild sind fein ziseliert. Der Kaiser ist es, der das kreative Chaos der Kaiserin ordnet, umzäunt, erforscht, einteilt, verfeinert und weiterentwickelt. Darin liegt jedoch auch eine Gefahr. Gerade in unserer heutigen, patriarchalen Gesellschaft ist das Risiko hoch, dass die Kräfte des Kaisers entarten und jene Macht, die aus der Verbundenheit mit dem Urgrund des Lebens erwächst, sich in hierarchische Macht, also Macht über die Erde und die Wesen, die darauf leben, verwandelt. Wenn Geist und Körper nicht mehr als Einheit betrachtet werden, entstehen nur allzu leicht Gedankengebäude, welche die männliche Herrschaft des Geistes über die Natur propagieren. Dann führt der Entdeckergeist des Kaisers zur Ausbeutung des irdischen Lebens und seine Aufgabe, zu ordnen, zu analysieren und zu schützen, führt zur Entfremdung von der Natur. Der Herrscher betrachtet dann die Welt, die ihn umgibt, nur noch als Objekt und sieht sich selbst nicht mehr als Teil des Ganzen.

Der Kaiser des Tarot zeigt uns diese Gefahr und zugleich den Ausweg, ihr nicht zu erliegen. Obwohl er sein Reich in eigener Verantwortung regiert, bleibt er eng verbunden mit der Kaiserin, denn er schaut zu ihr zurück. Auch sein Wappenschild verbindet ihn aufs innigste mit der Göttin. Die beiden Vögel sehen sich nicht nur gegenseitig an, sondern der Vogel des Kaisers ist auch so gezeichnet, dass seine Flügel die Form des Thrones der Kaiserin wiederholen. Die Kaiserin und der Kaiser sind ein Paar. Beider Zepter zeigt den Reichsapfel, der die harmonische Vereinigung der irdischen mit der geistigen Welt symbolisiert. Die enge Verbundenheit des Jahreskö­nigs mit der Priesterkönigin/Göttin verspricht den Fortbestand, das Wachstum und die Fülle des Lebens. Nur wenn beide zusammen wirken, kann das Land blühen und gedeihen.

Vom Kaiser können wir lernen, uns den Herausforderungen des Lebens mutig zu stellen, unsere irdischen Angelegenheiten zu ordnen, uns den Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit zu fügen und unserem Dasein ein stabiles und geschütztes Fundament zu verleihen. Kreative Visionen, wie sie im Garten der Kaiserin geboren werden, brauchen eine klare, verlässliche Basis, um sich konkretisieren und entfalten zu können, und wir müssen mit unermüdlicher Beharrlichkeit an ihrer Verwirklichung arbeiten. Insofern gewährleistet der Jahreskönig jene Bedingungen, die nötig sind, damit die immerwährende Schöpferkraft der Großen Mutter zu voller Blüte gelangen kann.

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Die fünfte Karte zeigt uns einen alten, bärtigen Mann auf einem Thron, der den dreistufigen Hut eines Schamanen trägt. Der Stab in seiner linken Hand wiederholt die Dreiform seiner Haube. Seine Rechte ist zu einer Segensgeste erhoben. Vermutlich gilt sie den beiden Menschen/Männern, die im Vordergrund des Bildes rechts und links zu seinen Füßen sitzen und uns den Rücken zuwenden. Während bislang alle Karten, die wir betrachtet haben, nur eine Figur zeigten, begegnet uns in dieser Darstellung mit den beiden zusätzlichen Gestalten etwas Neues. Der Hierophant thront als zentrale Figur in der Mitte und wird von den beiden Personen im Vordergrund und den beiden aufrechten Säulen hinter ihm eingerahmt. Damit wiederholt sich die Fünfzahl der Karte auch in der bildlichen Darstellung.

Im traditionellen Tarot wird die Figur auf dem Bild oft als ‚Der Papst‘ bezeichnet. Doch ihre Wurzeln reichen zeitlich viel weiter zurück. Andere Namen dieser Karte wie etwa ‚Der Hohepriester‘ oder ‚Der Hierophant‘ verweisen eher auf vorchristliche Mysterienspiele zu Ehren der Göttin Demeter. Wollen wir die fünfte Karte ganz verstehen, müssen wir uns mit der Tradition mündlicher Überlieferung in matriarchalen Kulturen vertraut machen. Dort übernahmen ausgewählte Mitglieder der Gemeinschaft die Aufgabe, die gesamte kulturelle Überlieferung ihres Volkes – die Ursprungsmythen und Legenden, die Sagen der Kulturentstehung und der wichtigen geschichtlichen Ereignisse, die heiligen Gesänge und rituellen Formen – auswendig zu lernen und bei den verschiedenen Feierlichkeiten jenen Teil der Überlieferung zu erzählen, zu singen oder zu gestalten, der dem Thema des jeweiligen Festes entsprach. Das gehörte zum Amt der Priesterinnen und Schamanen.

Auf der fünften Etappe unserer Reise durch das Tarot begegnet uns solch ein Überlieferer der spirituellen Tradition. Er ist Medizinmann und Schamane, Hüter der alten Gesänge und Rituale, Sternenkundiger und Mittler zwischen den Welten – eine Verkörperung des menschlichen Strebens nach Rückverbindung (re-ligio) mit der Göttin und den Ahninnen und damit der Einbettung des Lebens in einen größeren Zusammenhang. In den alten Sagen um König Artus und die heilige Insel Avalon begegnet er uns als der Merlin. Während die Hohepriesterin die verborgene Weisheit im Inneren der menschlichen Seele hütet, gibt der Hierophant diese Geheimnisse – gekleidet in Glaubensgrundsätze, rituelle Handlungen und heilige Zeremonien – an andere Menschen weiter. Er ist von daher der Vertreter des formalen Aspekts jeder spirituellen und religiösen Tradition.

Der Hierophant weiß, wie wichtig es ist, für spirituelle Wahrheiten die passende Ausdrucksform zu finden. Denn jede Form, jedes Ritual trägt eine bestimmte Kraft in sich und entfaltet eine ureigene Wirkung. Diese Wirkung erreicht auch jene Menschen, die sich mit den dahinter liegenden Geheimnissen nicht vertraut gemacht haben. Ob Mandalas, Geomantie oder Ritualkunst – der Hohepriester ist bemüht, die innere Wahrheit in einer Weise abzubilden, die ganz unmittelbar die Seele berührt. Auf diese Weise vermittelt er uns ein tieferes Verständnis für die verborgenen Dinge und den umfassenden Sinn unseres Daseins. Dabei stellt er sich ganz und gar in den Dienst der Göttin und der Menschen.

Das religiöse Streben der Menschen zielt darauf hin, Gegensätze zu vereinigen. Dies wird in der Gestalt des Hohepriesters sichtbar, denn sein wallender Bart und seine weit schwingenden Gewänder kontrastieren die strenge Formgebung des Throns und der beiden Säulen im Hintergrund. Er ist ein Vermittler zwischen der Notwendigkeit ritueller Formen, symbolisiert durch die Säulen, und den lebendigen, sich ständig wandelnden Bedürfnissen und Gefühlen der Menschen vor ihm. Wo immer wir uns unsicher fühlen und noch nicht gelernt haben, unserer Intuition zu vertrauen, weist er uns den Weg und bietet uns den Halt, den spirituelle Traditionen mit ihren überlieferten Ritualen und Einweihungszeremonien geben.

Darin liegt jedoch auch eine Gefahr, sichtbar gemacht durch die unterschiedlichen Größenverhältnisse der Personen auf diesem Bild. Im Vergleich zum Hohepriester wirken die beiden Gestalten zu seinen Füßen geradezu winzig. Ähnlich wie beim Kaiser sind auch beim Hohepriester die Risiken der patriarchalen Entartung groß, wie die hierarchische Systeme der großen Weltreligionen und insbesondere das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit zeigen. Sobald der Hierophant nicht mehr im Dienste der Gemeinschaft und aus der natürlichen Autorität seiner in langen Jahren erworbenen Erkenntnis und Erfahrung heraus handelt, sondern sich im Glauben der eigenen Unfehlbarkeit über die Menschen erhebt, entartet seine spirituelle Kraft zu hierarchischer Macht. Dann vermag er Ratsuchende nicht mehr zu stärken und darin zu unterstützen, ihre ureigenen Kraftquellen zu erschließen, sondern hält sie in einem Zustand der Unmündigkeit und spirituellen Abhängigkeit.

Wir können jedoch davon ausgehen, dass der Hohepriester auf unserer Darstellung sich dieser Gefahr bewusst ist und sich hütet, ihr zu erliegen. Seine segnende Geste lässt zwei ausgestreckte Finger erkennen. Er weiß um Polarität des Daseins und versteht, dass die Wahrheit viele Gesichter hat. Dies schützt ihn davor, die eine, allein selig machende Wahrheit zu beanspruchen. Die drei übrigen Finger, die er verborgen hält, verweisen auf das Geheimnis der Dreifaltigen Göttin, das nicht offen verkündet, sondern nur im Vollzug der heiligen Rituale ganz unmittelbar erfahren werden kann. Seine dreischichtige Kopfbedeckung ähnelt jener der Hohepriesterin und ist ebenso wie das dreifache Kreuz seines Stabes ein Hinweis darauf, dass der Hohepriester alle drei Welten bewohnt. Er hält seinen Stab in der linken Hand; seine Autorität fließt eher aus dem Herzen als aus seiner Willenskraft. Die Hand, die den Stab hält, steckt in einem Handschuh. Dies mag ein Hinweis darauf sein, dass er eine Aufgabe innerhalb der Gemeinschaft erfüllt und es nicht um seine Persönlichkeit geht. Nur innerhalb seiner Funktion zeigt seine Autorität Wirkung.

Die beiden Personen vor ihm wenden uns ihren Rücken zu. Sie sehen den Herausforderungen des Lebens nicht direkt ins Gesicht, sondern ersuchen den Hohepriester um Rat und Führung. Im Gegensatz zu seiner ehrwürdigen Gestalt wirken die beiden fast wie Kinder. Nahezu identisch gekleidet und in ähnlicher Haltung besitzen sie keine eigene Individualität, sondern sind Teil einer größeren Einheit. Vielleicht kommen sie im Auftrag ihrer Sippe, um ihm ein schwieriges Anliegen zu unterbreiten. Obwohl der Hierophant deutlich größer gezeichnet ist als die beiden Ratsuchenden, tritt er doch mit ihnen in Beziehung und kommuniziert mit ihnen. Dieser Austausch macht eine Entwicklung möglich.

Die Zahl des Hohepriesters ist die Fünf. Die Zahl Fünf steht symbolisch für die Quintessenz, den Mittelpunkt und Kern allen Daseins, die letzte große Wirklichkeit, die über die Kraft der vier Elemente noch hinaus führt und diese in sich vereint (4 + 1 = 5). Sie ergänzt die drei Gesichter der Göttin durch die Gegensätze der menschlichen Erfahrung (3 + 2 = 5). In der Gestalt des aufrecht stehenden Pentagramms gilt die Fünf auch als ein Symbol des Menschen, dessen Kopf und Glieder die fünf Spitzen des Sterns festlegen.

In der Auseinandersetzung mit dem Hierophant können wir lernen, uns der Weisheit eines spirituellen Lehrers oder einer Lehrerin anzuvertrauen. Die Qualität, die wir auf diesem Schritt unseres Weges entwickeln, ist die der inneren Glaubensgewissheit, die auf dem Vertrauen in eine höhere Weisheit und nicht auf nachprüfbarer Erfahrung beruht. In der Begegnung mit dem Hierophanten lernen wir auch, wie und auf welche Weise wir uns mit Hilfe von Ritualen und Zeremonien in Über­einstimmung mit den kosmischen Abläufen bringen können. Dadurch erlangen wir Verständnis für den Sinn des irdischen Lebens und öffnen uns dem Geheimnis unseres Daseins.

Der Hohepriester repräsentiert jene Seite in uns selbst, die unser spirituelles Wohlergehen nährt, das tiefverwurzelte Gewissen, das uns kundtut, ob wir redlich und aufrichtig handeln und uns in Übereinstimmung mit uns selbst und den Gesetzen der Natur befinden. Diese Stimme kann so weise und zuverlässig sein, dass sie nahezu unfehlbar ist. Aber in ihrer Entartung kann sie uns auch in Ketten schlagen, wie wir auf einer späteren Karte sehen werden. Sobald die Stimme unseres inneren Hohepriester anfängt, uns selbst, die Welt im allgemeinen und bestimmte Personen im besonderen zu verurteilen, sollten wir sehr wachsam sein.

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Die sechste Karte zeigt eine Hochzeit. Zum ersten Mal in der Reihe der Tarotkarten steht auf diesem Bild nicht mehr eine einzige Person im Mittelpunkt, sondern wir sehen mehrere gleich große Personen. Ein Mann und eine Frau, berührt vom Zauber der Liebe, besiegeln ihre Entscheidung füreinander durch ein Eheversprechen. Eine Priesterin vollzieht dieses uralte Ritual und segnet das junge Paar. Die drei Personen stehen eng nebeneinander. Die junge Frau berührt das Herz ihres Geliebten und beide gemeinsamen schauen aufmerksam zu der älteren Frau, die ihre Hand segnend auf die Schulter des Mannes gelegt hat. Über den dreien, in der oberen Hälfte der Karte, schwebt in einem Strahlenkranz der geflügelte Gott Eros, der mit seinem Pfeil direkt auf die beiden Liebenden zielt.

Die Darstellung zeigt ein wichtiges Ereignis im menschlichen Leben: die liebende Verbindung zweier Menschen. Doch die Zeremonie, die auf der sechsten Karte dargestellt ist, geht weit über unser heutiges Verständnis der Ehe hinaus. Wir sehen hier den Großen Ritus, die Heilige Hochzeit der matriarchalen Kulturen. Jeweils zur Sommersonnwende verpflichtete sich der Jahreskönig durch dieses Ritual der Göttin und dem Land, indem er die geheiligte, rituelle Ehe mit der Priesterkönigin einging. Es war ein Ausdruck seiner tiefen Liebe zum Leben und seiner hohen Verantwortung für dessen Fortbestand, denn in der Regel setzte die Heilige Hochzeit die Bereitschaft des Jahreskönigs voraus, sich zu einem späteren Zeitpunkt zu opfern. Insofern steht die sechste Karte natürlich für die Erfahrung tiefer Liebe und Verbundenheit.

Interessant ist die numerische Verbindung zwischen der Karte ‚Die Liebenden‘ und der 14. Karte mit dem Titel ‚Mischung‘ oder ‚Das rechte Maß‘, auf welcher ein Engel Wasser aus einem Gefäß in ein anderes schüttet. Im Tantra gilt eine von der Göttin gesegnete sexuelle Vereinigung als so vollkommen wie „das Fließen von Wasser ins Wasser“. Durch die Verbindung zweier liebender Seelen vollzieht sich eine tiefgehende Verwandlung. Keiner von beiden wird unverändert daraus hervorgehen. Der englische Name der 14. Trumpfkarte, ‚Temperance‘, wird vom lateinischen ‚temperare‘ abgeleitet, was soviel wie ‚Elemente vermischen oder zusammenfügen‘ bedeutet. Eine andere Ableitung dieses Wortes ist das Temperament, das als spezielle Mischung der vier Elemente verstanden wird und unsere Persönlichkeit entscheidend färbt. Noch einmal wird hier der Bezug zur sechsten Trumpfkarte deutlich, denn für die Ehe bedarf es des passenden Temperaments, das durch die Mäßigung des Verhaltens durch Höflichkeit und Güte entwickelt werden muss. Vielleicht ist dies eine der Weisheiten, welche die ältere Frau dem jungen Paar auf der Darstellung der Liebenden mit auf den Weg gibt.

In manchen Versionen heißt diese Karte auch ‚Die Entscheidung‘. Dieser Name gibt uns einen wichtigen Hinweis auf eine weitere Bedeutung der Karte. Nachdem wir auf unserer Reise mit dem Narren dem Magier, der Hohepriesterin, der Kaiserin, dem Herrscher und dem Hierophanten begegnet sind und von ihnen allen lernen durften, ist die Zeit für uns gekommen, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Alles, was wir dafür brauchen, haben wir uns in der Begegnung mit den fünf vorhergehenden Karten erworben: Wissen und magische Kraft, Hingabe und Geduld, Inspiration und Kreativität, Mut und Verantwortungsgefühl, Lebenssinn und spirituelle Weisheit. Nun sind wir reif, unser Herz zu befragen und den Weg zu gehen, den es uns weist. Von daher ist die Gabe, die wir in dieser Karte entdecken, unsere Fähigkeit, von ganzem Herzen und aus tiefster Seele ja zu sagen – zu einem Menschen, einem Beruf, einer Lebensentscheidung. Erst dieses Ja macht den Menschen oder die Situation, für die wir uns entscheiden, zu dem oder der richtigen und öffnet uns für die wahre Erfahrung der Liebe.

Die Anwesenheit des geflügelten Liebesgottes auf diesem Bild zeigt uns, dass die wahren Lebensentscheidungen nicht aufgrund rationaler Überlegungen und sorgfältiger Erwägungen getroffen werden können. Wären wir tatsächlich in allem, was wir tun, völlig frei, wir würden an so mancher Entscheidung vermutlich verzweifeln. Aber es gibt eine Kraft, die größer ist als wir, eine Kraft, die uns leitet. Eros, der Sohn der Göttin Aphrodite, die uns auf dem Bild der Kaiserin bereits begegnet ist, inspiriert das Herz der beiden Liebenden und lenkt dadurch ihre Schritte. Ebenso keimt im besten Fall die Gewissheit, mit der wir selbst unsere Entscheidungen treffen, in der unsichtbaren Tiefe unserer Seele auf, inspiriert vom Geist der Göttin.

Im Tarot finden sich immer wieder zahlreiche Hinweise auf das Gesetz der Polarität und die beiden Seiten der Wirklichkeit. Auch das Ja dieser Karte trägt gleichzeitig ein Nein in sich, denn jede Entscheidung, die wir treffen, ist untrennbar verbunden mit der Absage an einen anderen Lebensweg. Gerade wenn wir uns aus ganzem Herzen auf einen Menschen einlassen, nehmen wir damit Abschied von der Ungebundenheit des Single-Daseins und den vielen anderen Partnern, die möglicherweise für uns noch in Frage gekommen wären. Dasselbe gilt für zahlreiche Entscheidungen unseres Alltagslebens, auch jene, die mit Beziehungen gar nichts zu tun haben. Solange wir uns stets ein Hintertürchen offen halten und insgeheim hoffen, noch etwas Besseres zu finden, bleibt unser Leben oberflächlich und halbherzig. Erst die Bereitschaft, uns freiwillig zu beschränken, und uns aus ganzem Herzen für eine Angelegenheit zu entscheiden, erschließt uns den kostbaren Schatz, der darin verborgen liegt.

Die Zahl Sechs gilt bei Pythagoras als die erste vollkommene Zahl, weil ihre Teiler (1, 2 und 3) addiert wiederum Sechs ergeben. Die Sechs gilt von daher auch als Zahl der Vollkommenheit. Sie wird häufig als sechszackiger Stern dargestellt. Dieser ist aus zwei Dreiecken zusammengesetzt, von denen eines mit der Spitze zum Himmel weit und das andere nach unten gerichtet ist. Das obere der beiden Dreiecke gilt gemeinhin als Feuer-Dreieck, das untere als Wasser-Dreieck. Diese Symbolik erinnert uns von neuem an die Karte ‚Mischung‘. Und tatsächlich ist der sechszackige Stern auch das Symbol der mystischen Hochzeit von Shiva und Shakti. Somit werden wiederum sowohl sexuell-erotische Bezüge deutlich, als auch die Verwandlung zweier Seelen durch die Kraft der Liebe. Nicht zuletzt stellt der sechszackige Stern stellt die Verflechtung von Mikro- und Makrokosmos dar und bildet insofern der uralten Grundsatz des „Wie oben, so unten“ ab.

Die sechste Karte weiht uns in die alles verwandelnde Kraft der Liebe und das Geheimnis wahrer Herzensentscheidungen ein. Sie lehrt uns, aus tiefster Seele Ja zu sagen – zu uns selbst, einer Berufung, einer Person oder einem bestimmten Weg – und uns voll und ganz einzulassen auf das, was durch diese Wahl auf uns zukommt. Doch in der Auseinandersetzung mit dieser Karte lernen wir auch, dass die Gabe, eine solche Entscheidung zu treffen, uns oft aus Quellen zufließt, die unserem bewussten Verstand und unserem Willen entzogen sind.

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Die siebte Karte zeigt einen stolzen, jungen Mann mit goldener Krone und königlichen Insignien, der in einem von zwei Pferden gezogenen Prunkwagen steht. An den vier Ecken des quadratisch geformten Wagens tragen vier Säulen einen mit Sternen bestickten Baldachin. Die beiden Pferde, ein rotes und blaues (auf manchen Karten auch ein schwarzes und ein weißes), sind so fest mit dem Gefährt verbunden, dass sie förmlich aus ihm herauszuwachsen scheinen. Die beiden Tiere bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Doch der königlich gekleidete Held lässt sich dadurch nicht beirren. Er genießt den Höhepunkt seiner jugendlichen Männlichkeit, den kurzen Augenblick der Überzeugung, dass ihm die gesamte Welt zu Füßen liegt. Obwohl er keine Zügel in den Händen hält, blickt er selbstbewusst und siegessicher nach vorne.

Der Prunkwagen kündet von mutigem Bestehen und erfolgreichem Wirken in der irdischen Welt. Wir haben unseren Platz gefunden, unsere Ziele klar gesteckt, lassen das Vertraute hinter uns und brechen nun voller Zuversicht zu neuen Ufern auf. Die Karte beschreibt den Höhepunkt eines aktiven, nach außen gerichteten Lebens und schließt damit die erste Siebenerreihe der Großen Arkana ab. Nach der Heiligen Hochzeit ist der Jahreskönig auf dem Höhepunkt seiner Macht. Sein Ruhm ist jedoch vergänglich. Wie jeder Jahreskönig ist auch der junge Mann im Sternenwagen dem unausweichlichen Abstieg und Untergang geweiht. Vielleicht steht deshalb in der Unendlichkeitsschleife dem Prunkwagen die 13. Trumpfkarte, der Tod, gegenüber. Selbst noch im alten Rom, als die alten matriarchalen Traditionen längst Vergangenheit waren, stand einem siegreichen Helden, der durch einen Triumphzug geehrt wurde, eine maskierte Personifizierung des Todes zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr: „Mensch, vergiss nicht, dass du sterblich bist.“)

Der junge Sonnenkönig in seinem Wagen symbolisiert die Herrschaft, den Ruhm, den Krieg und den Tod. Er erinnert an den römischen Mars, der sich aus einem wesentlich älteren sabinischen Fruchtbarkeitsgott entwickelte. Dieser wurde von der berühmten dreifaltigen Göttin Juventas-Juno-Minerva geboren und starb jedes Jahr, um zur Wintersonnwende erneut aufzuerstehen. Im übertragenen Sinne steht der Wagenlenker für die menschliche Seele, der Wagen selbst für den Körper und die Pferde für dessen Lebensenergie.

Es ist erstaunlich, dass der junge König auf dem Wagen diesen gar nicht selbst lenkt, sondern nur aufrecht darin steht, während die Pferde ihrem eigenen Weg folgen und sogar in unterschiedliche Richtungen streben. Es scheint, als könne der Mensch sein Schicksal nicht bestimmen, selbst wenn er dies bisweilen glaubt. Mit ihren unterschiedlichen Farben repräsentieren die beiden Tiere die beiden Aspekte menschlicher Energie: die rote, aktive, aufsteigende Energie der Tatkraft und der Emotionen und die blaue, ruhige, absteigende Energie der Hingabe und der seelisch-geistigen Empfänglichkeit. Sie und der Wagen sind eins, die Lebensenergie ist untrennbar mit dem irdischen Körper verbunden.

Mit seinem Gefährt fährt der junge König in das Leben hinaus, um seine einzigartigen Möglichkeiten zu erforschen und seine individuellen Grenzen zu entdecken. Es ist eine gefährliche Reise mit ungewissem Ziel und unbekannten Gefahren, doch sein Gesichtsausdruck ist ruhig und bestimmt. Er ist bereit, sich der Herausforderung zu stellen. Während die Thronsessel der weiblichen und männlichen Figuren vorangegangener Karten fest und unverrückbar waren, erlaubt der Wagen des Königs eine größere Freiheit und Beweglichkeit. Um den zweirädrigen Wagen sicher zu steuern, benötigt der Fahrer ein hohes Maß an Gleichgewicht.

Der Prunkwagen selbst hat himmlische Kräfte, symbolisiert durch den sternenbestickten Baldachin. Die vier Säulen, zwei rote und zwei blaue, bilden gemeinsam mit dem Baldachin einen sicheren Raum, der den König schützt und seine Energien konzentriert. Die Räder des Wagens sind seitwärts gestellt. Ein derart magisches Gefährt erfolgreich – und ohne Zügel – zu steuern, erfordert ganz besondere Fähigkeiten. Die goldene Krone des Königs erinnert an einen Heiligenschein und verbindet ihn mit der Strahlkraft und feurigen Energie der Sonne. Er ist durchdrungen von Klarsicht und goldenem Verstehen. Auf geheimnisvolle Weise erhält er göttliche Führung. Die beiden Masken auf seinen Schultern verbinden ihn mit den leitenden Himmelslichtern Sonne und Mond. Womöglich dienen sie ihm auch als Orakelsteine, die ihm helfen können, seinen Weg nach dem göttlichen Willen auszurichten. Er steht eindeutig im Zentrum des Bildes und dennoch tritt er, anders als die Autoritätspersonen auf früheren Bildern, in menschlichen Dimensionen auf. Durch seine Jugend verkörpert er Frische, einen Neubeginn und neue Ideen und Impulse, aber auch Unerfahrenheit.

Die neue Lebenskraft zeigt sich auch in den frischen, grünen Schösslingen, die im Vordergrund wachsen. Die magische Zahl Sieben erinnert an die Würfel des Magiers. Bei jedem Würfel ergeben die einander gegenüberliegenden Seiten sieben Augen. Der Prunkwagen trägt die magische Energie der ersten Reihe hinüber in die zweite Ebene, die das Reich des Gleichgewichts genannt wird. Er repräsentiert den Übergang in einen neuen Zeitabschnitt und enthält somit den Keim für neues Wachstum. Der junge Held ist erwachsen geworden und nun dabei, seinen individuellen Platz in einer größeren Gemeinschaft zu finden.

Dennoch ist die Karte nicht nach dem königlichen Wagenlenker benannt, sondern nach dem Gefährt, das dieser steuert. Das lässt uns vermuten, dass der Wagen noch ein paar Geheimnisse für uns bereithält. Der horizontale Balken an seiner Vorderseite halbiert die Karte, dadurch entsteht eine klare Schwelle zwischen „oben“ und „unten“. Der Querbalken trennt den Wagenlenker von seinen Pferden – und auch von seinem persönlichem Monogramm, einem Schild, das die Initialen „SM“ trägt. Er hat sich abgeschnitten von seinen instinktiven Kräften und seiner individuellen Identität, seinen Wurzeln. Da er von fernen, zukünftigen Zielen träumt, hat er kein Auge für die zarten grünen Pflanzen unter sich und lässt die Hufe der Pferde achtlos darüber trampeln. Von daher warnt uns die Karte vor der Selbstüberschätzung, die entstehen kann, wenn der junge König es an Demut mangeln lässt und seine wahre Berufung vergisst.

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