Auf der ersten Karte der Großen Arkana sehen wir einen jungen Mann in einer hügeligen Landschaft. Er ist mit einem breitkrempigen Hut und dem bunten Kostüm eines Gauklers bekleidet und steht neben einem großen Stein, auf dem seine magischen Werkzeuge ausgebreitet liegen. Den Zauberstab erhoben, ist er bereit, uns seine Kunststücke vorzuführen. Vielleicht geht es ihm darum, den Fall der Würfel zu beeinflussen, die er gerade wirft. Ganz offensichtlich bereitet es ihm Vergnügen, sein Publikum auf spielerische Weise zu verblüffen. Doch es bleibt unklar, ob seine Kunststücke nur illusionärer Schein sind oder magische Wirklichkeit. Sein Blick ist kaum zu deuten: Während ihm einerseits der Schalk aus den Augen blitzt, scheinen sie gleichzeitig das Wissen um die tiefsten Geheimnisse des Lebens widerzuspiegeln und seine Geste ist ernst und erhaben.
Mag der Magier auch als Mensch erscheinen, so ist die erste Gestalt, der wir auf unserer Reise mit dem Narren gegenübertreten, in Wirklichkeit ein Sohn der Göttin: Es ist niemand anderer als Hermes-Merkur, den wir auf dieser Karte sehen. Im antiken Griechenland und in der römischen Kultur galt er als geflügelter Bote und Wanderer zwischen den Welten. Die Menschen verehrten ihn als Führer der Seelen im Totenreich, Gott der Offenbarungen und Begleiter auf irdischen und spirituellen Reisen. Seine Kunst, die erste, mit der wir uns vertraut machen dürfen, ist die der Magie. Nach außen hin mag sie uns als Taschenspielertrick erscheinen, denn Magie hat immer etwas Leichtfüßiges und Spielerisches an sich. Doch dahinter verbirgt sich die uralte Weisheit von Merkurs Mutter, der Schlangengöttin Maia, die als Großmutter der Magie galt. Von ihr erhielt Hermes-Merkur all sein Wissen und durch sie wurde er zum Boten und Vermittler zwischen den Welten: der himmlischen, der irdischen und der Unterwelt. Wir können uns keinen geeigneteren Führer auf unserer Reise durch die Bilderwelt des Tarot wünschen als ihn, der in allen drei Welten zu Hause ist.
Auf dem Bild hat der Magier seinen Zauberstab erhoben. Mit dem Stab vermag er Energie zu sammeln, sie zu lenken und ihr eine Richtung zu geben. Doch er hält den Stab in seiner linken Hand, nicht in der rechten. Seine Fähigkeit, die Wirklichkeit nach seinen Vorstellungen zu gestalten, ist nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen oder erworbenen Wissens. Sie ist ein direktes Geschenk seiner instinktiven Natur und seiner ursprünglichen Emotionen. Nur durch seine Verbindung mit den aufnehmenden, empfänglichen Seiten seines Wesens und durch die Verwandtschaft zu seiner Mutter Maia entsteht seine magische Kraft. Deshalb trägt er auch den Schlangengürtel, das Zeichen der uralten Göttin.
Der Magier vermag Dinge zu verwandeln oder verschwinden zu lassen. Er verwirrt uns, lässt uns an unseren Sinnen zweifeln – und genau das ist seine Absicht. Mit seinem Verwandlungszauber erinnert er uns daran, dass alles, was wir sehen und wahrnehmen, nur „Maja“ ist: Schein und Illusion. Wir erkennen nicht das Wesen der Dinge, sondern sehen nur Erscheinungsformen der Wirklichkeit. In ihrem Kern aber sind all diese Erscheinungen eins. Nur deshalb ist es dem Magier möglich, jede Substanz in eine andere zu verwandeln. Seine Magie wirkt weniger durch den zielgerichteten Willen als durch Einbildungskraft und Spiel. Wer erfolgreich und wirkungsvoll zaubern will, braucht eine lockere Hand, Neugier und Experimentierfreude sowie viel Humor. Die Fähigkeit, alles für möglich zu halten, ist eine ganz elementare Grundlage jeder magischen Handlung. Aus dem Chaos des Narren kann alles gerufen und geformt werden. Und der Magier ist in der Lage, jederzeit das Unerwartete möglich zu machen und die schöpferische Kraft des immerwährenden Augenblicks zu nutzen.
Die drei Würfel, die aus seiner rechten Hand fallen, verweisen uns auf das spielerische Element des Zufalls. Die Eigenart des Zufalls ist es, einer höheren Ordnung zu folgen, während gleichzeitig jedes einzelne Ereignis unwägbar und unvorhersehbar erscheint. Obwohl wir die Gesetzmäßigkeiten des Zufalls berechnen können, ist es uns mit rationalen Mitteln nicht möglich, kommende Ereignisse zu durchschauen. Dabei verlockt und verzaubert uns gerade der Zufall in vielfältiger Weise; zahllose Glücksspiele und Spielcasinos zeugen von dieser Tatsache. Die Dreizahl der Würfel verweist uns auf die drei Schicksalsgöttinnen, denen wir auf der zehnten Karte des Tarot begegnen werden. Der Magier ist sich der Macht des Schicksals sehr wohl bewusst und dennoch gestaltet und beeinflusst er sein Geschick in jedem Augenblick durch sein magisches Tun.
Dass der Magier in der Lage ist, gegensätzliche Seiten der Wirklichkeit auf kreative Weise zu verbinden, zeigt sich auch in seiner Kleidung. Sein Hut hat die Form einer Lemniskate, einer liegenden Acht. Dieses Symbol repräsentiert die schöpferischen Gegensätze des Lebens, die bis in alle Unendlichkeit kreisen, fließen und sich ineinander verwandeln. Auch die Farbe seiner Kleidung weist diese widersprüchlichen Elemente auf: Das Rot steht für die animalische Energie lebendiger Leidenschaft, für Aktivität und emotionale Ausdruckskraft. Das Blau hingegen repräsentiert die himmlische Energie: Ruhe, Hingabe und seelisch-geistige Aufnahmefähigkeit. Diese beiden Farben sind im Kostüm des Magiers bewusst einander gegenüber gestellt. Sie scheinen gegensätzlich und doch untrennbar miteinander verbunden im ewigen Wechsel von Anziehung und Abstoßung. Durch diesen Kontrast scheint der Magier vor Energie nur so zu sprühen.
Die goldene Krone seines Hutes, die goldene Gürtelschnalle und der Stab in seiner Hand verbinden ihn mit der magischen Sonnenkraft. Das Goldgelb, das ihn schmückt, ist die Farbe des Lichtes und der Erleuchtung. Die Zahl seiner Karte, die Eins, verbindet ihn mit der Kraft des Himmels und des Geistes. Sie symbolisiert die ursprüngliche Einheit hinter der Mannigfaltigkeit, den Ursprung und Uranfang aller Dinge, den Funken, der das Feuer der Wirklichkeit entfacht, und den Samen, in dem alles enthalten ist. Die Eins ist hell, strahlend und alles durchdringend, doch sie kann immer nur in der Beziehung zu einem anderen erfahren werden. Wir Menschen sind nicht in der Lage, die Einheit zu erfassen, sondern brauchen die Zwei der folgenden Karte, um wirklich zu verstehen. Erst im Spiel der Gegensätze erkennen wir den Zauber der Einheit.
Magie im Sinne dieser Karte ist die Kunst der allumfassenden Kommunikation, der kreativen Imagination, der Gestaltung von Wirklichkeit. Um wirkungsvoll Magie weben zu können, müssen wir wissen, was wir bewirken wollen. Von daher verbindet uns diese Karte mit der Erfahrung einer klaren Zielsetzung und der Fähigkeit, die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Dies geschieht nur selten in Form eines magischen Rituals. Viel häufiger ist es die Magie des Alltags, die sich in unserem Denken, unserer Sprache und unserem täglichen Handeln widerspiegelt. Tatsächlich prägen unsere Gedanken und unsere Sprache die Wirklichkeit, in der wir leben, in weitaus größerem Maße als so manches Ritual, denn unsere Taten fließen entlang unseres Bewusstseins.
Die erste Karte fordert uns auf, uns mit dem alltäglichen Handwerkszeug der Magie vertraut zu machen: rufen, locken, beschwören, bannen, binden, lösen, besprechen, wandeln, rasseln, tanzen, summen, lachen und singen – Kommunikation in jeder Form! Es ist die Gabe, die es uns ermöglicht, die Geheimnisse der Elemente zu erkunden und die magischen Werkzeuge, die auf dem Tisch des Magiers liegen, klug zu nutzen. In der Gestalt von Hermes-Merkur verbinden sich Standfestigkeit, Klugheit, Geschicklichkeit und klares Wollen mit spielerischer Leichtigkeit, Freude an der Verwandlung und einer grenzenlosen Heiterkeit – und all diese Gaben stehen uns nun zur Verfügung.