Die zweite Karte zeigt uns die Gestalt einer reifen Frau, die uns mit wachen, aufmerksamen Augen anblickt. Sie trägt eine kunstvoll geschmiedete Krone aus Silber, geschmückt mit Symbolen der drei Mondphasen. Ihr Haar ist unter einem weißen Schleier verborgen und ihre Kleidung ist die einer Priesterin. Ruhig, gelassen, unerschütterlich sitzt sie auf ihrem Thron und hält in den Händen ein Buch. Es ist, als würde sie schon seit Ewigkeiten dort sitzen, und vermutlich wird sie bleiben, bis die Welt vergeht. Ihr Blick ist aufmerksam, hellwach, ganz da. Sie tut nichts. Sie schaut. Sie sieht. Und sie weiß. In der Stille ihrer Seele scheint sie alle Geheimnisse des Universums zu hüten. Wer ist diese Frau, deren Blick bis auf den Grund unseres Seins vorzudringen scheint?
Die Hohepriesterin ist die Hüterin der weiblichen Weisheit und insofern eng verbunden mit der Göttin Sophia, die noch im frühen Christentum anstelle des Heiligen Geistes als weiblicher Aspekt Gottes verehrt wurde. Manche Deutungen bringen sie mit der jungfräulichen Göttin selbst in Verbindung. Ihre individuelle Persönlichkeit wird kaum sichtbar. Eingehüllt in das Gewand einer Priesterin, das Haar verborgen unter einem Schleier hat sie sich vollständig der Göttin geweiht, ist ganz und gar aufnahmebereit für ihre Botschaften und ihre Weisheit. Nicht umsonst liegt das Buch in ihrem Schoß. Sie ist bereit zu empfangen. Durch ihre vollkommene Offenheit wird sie zum Gefäß für eine Macht, die größer ist als sie. Die Weisheit, die ihr geschenkt wird, bewahrt sie in ihrem Herzen und hütet sie geduldig, bis die Zeit gekommen ist, sie zu offenbaren. Als Priesterin der Sophia beherrscht die Frau auf dem Thron auch die Gabe der Prophetie, der Weissagung und der Orakelkunst.
Der kostbare Silberschmuck auf ihrem Kopf zeigt uns, dass sie ihre Macht und ihre Weisheit ganz und gar durch die dreigesichtige Göttin empfängt. Und genau wie der Magier ist sie in allen drei Welten zuhause: der himmlischen, der irdischen und der Unterwelt. Verwoben mit dem weißen Schleier erinnert ihr Kopfschmuck an ein Ei, das Symbol der Fruchtbarkeit und des neuen Lebens, das im Schutz einer festen Schale heranreifen kann. Die Hohepriesterin ist es, die den göttlichen Funken schöpferischer Eingebung empfängt, schützt und nährt und ihn schließlich – wenn die Zeit gekommen ist – zur Welt bringt. Sie ist das Gefäß der Verwandlung. Durch sie wird der göttliche Geist irdische Wirklichkeit. Darum heißt es in den alten Mythen, dass kein Gott ohne den Geist der weiblichen Weisheit Macht auszuüben vermag.
Der Hohepriesterin geht es nicht darum, die Wirklichkeit zu gestalten oder zu verändern, sondern sie in ihrem tiefsten Inneren zu ergründen. Anders als der Magier greift sie in das Geschehen des Lebens nicht ein, sondern vermag den Ereignissen geduldig und gesammelt ihren Lauf zu lassen im Vertrauen darauf, dass sie einer natürlichen Ordnung folgen. Sie weiß um die natürlichen Zyklen des Lebens und kennt das Geheimnis der Polarität, das sich in der weißen und der schwarzen Säule widerspiegelt: Die Wahrheit der Göttin umfasst immer beide Seiten der Wirklichkeit, die helle und die dunkle. Tag und Nacht, Geburt und Tod, Trauer und Freude, Werden und Vergehen, Jugend und Alter, Mann und Frau, Ebbe und Flut – sie alle sind Spiegelbilder der einen Wirklichkeit. Sie alle sind untrennbar miteinander verbunden und das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Hohepriesterin hält das Buch in ihrem Schoß mit beiden Händen. Sie nimmt die Weisheit der Göttin mit ihrem ganzen Wesen an.
Zwischen den beiden Säulen ist ein roter Schleier gespannt und auch die Säulen selbst werden von blauen Schleiern halb verhüllt. Das Geheimnis der Hohepriesterin liegt im Verborgenen, ist verschleiert und nicht einmal ihr selbst in vollem Umfang bewusst. Das Allerheiligste liegt förmlich hinter ihrem Rücken. Durch neugieriges Fragen, glasklare Erkenntnis und rationale Intelligenz ist es nicht zu enthüllen. Einzig und allein die tiefe innere Erfahrung versetzt uns in die Lage, den Schleier ein kleines Stück zu lüften und einen Blick auf das zu erhaschen, was dahinter verborgen liegt. In der Erfahrung von Menstruation, Empfängnis und Schwangerschaft hat jede Frau an diesem Geheimnis teil.
Die in Kaskaden herabfallenden blauen Schleier und das weit fließende Kleid der Hohepriesterin erinnern an das Element Wasser. Der rote Vorhang in ihrem Rücken erinnert an das fließende Blut. Während der Magier seine Kraft aus dem hellen Sonnenlicht schöpft, ist die Frau auf dem Thron eine Hüterin der Mondkraft: kühl, dunkel, unbeständig, sich verschleiernd, fließend, ständig sich wandelnd. Sie gilt als Verkörperung der Mondseele, als Luna Regia, Königin Mond. Somit ist die Hohepriesterin eng verbunden mit dem wässrigen Element, dem Wandelreich der Gefühle, dem Urgrund allen Lebens. Da sie ganz aus der göttlichen Weisheit und dem Frieden ihrer eigenen Seele schöpft, verkörpert sie vor allem Gefühle der Sanftmut: Geduld, Nachsicht, Güte und Vergebung. In den alten Legenden heißt es, dass Sophia drei Töchter hatte. Ihre Namen waren Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit.
Bei aller Sanftmut des Herzens ist die Hohepriesterin keine schwache, blutarme Gestalt. Als Jungfrau ist sie eine unverheiratete Frau, eine Frau, die nur sich selbst gehört. Wie die Gezeiten, so folgt auch der Rhythmus ihres weiblichen Menstruationsblutes dem Zyklus des Mondes. Jeden Monat erneuert sich ihre Lebenskraft, verwandelt sich ihre Weisheit und wächst ihre Macht. Sie weiß: Der Weg zum Allerheiligsten führt durch das Geheimnis des Blutes.
Die zweite Karte fordert uns auf, zur Ruhe zu kommen und zu lauschen – den Botschaften der Sterne, der Bäume, der Tiere oder der Stimme unseres eigenen Herzens. Indem wir uns den Geheimnissen des Lebens öffnen, können wir ein tieferes Verständnis der Göttlichen Weisheit erlangen. Wo immer diese Karte auftaucht, ist nicht die geeignete Zeit für rasches Handeln. Stattdessen sind Geduld, Langmut und Hingabe von uns gefordert – und die Gabe zu warten. Der rechte Zeitpunkt wird kommen, doch nur wenn wir geduldig darauf warten, können wir den Reichtum ernten, der für uns bereit liegt.
das gefällt mir gut !!! werde wieder kommen LG
Hallo, ich habe noch nie so weise und aufschlussreiche Worte zu den einzelnen Tarotkarten gelesen…zum ersten mal finde ich den richtigen Sinn in jeder Karte…hier geht man der Karte auf den Grund…ich bin überrascht, wie detailiert hier geschrieben wird…EINFACH WUNDERBAR…bestehen Chancen, dass noch weitere Karten wie z.B. der Turm bearbeitet werden????
Liebe Viktoria, herzlichen Dank für deinen Kommentar! Natürlich freue ich mich über dein Lob, muss aber leider gestehen, dass ich kaum noch die Zeit finde, den hiesigen Blog zu komplettieren. Hin und wieder schaffe ich mal ein Stückchen, aber ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis das hier eine vollständige Sammlung wird – wenn überhaupt.