Die dritte Karte zeigt uns eine wunderschöne, schwangere Frau auf einem Thron, der inmitten einer üppigen, fruchtbaren Landschaft steht, ja, geradezu aus ihr herauszuwachsen scheint. Sie hält ein Zepter in ihrer linken Hand und ein Wappenschild mit einem Adler im rechten Arm. Ihr Kleid ist kostbar bestickt und ihre goldene Krone ist geschmückt mit funkelnden Sternen. Ihre ganze Haltung strahlt Macht, Liebe und Weisheit aus. Nicht umsonst, denn in der Gestalt der Kaiserin begegnet uns die Göttin selbst. Sie ist die Große Mutter, die Lebendige Schöpferin, die über Land und Meer regiert und allem Dasein Fruchtbarkeit verleiht. Das wogende Getreidefeld und die Früchte zu ihren Füßen sind ein Symbol ihrer nie versiegenden Schöpfungskraft. Auch die Linde und die Lilie gelten seit uralten Zeiten als ihre heiligen Pflanzen.
Die Kaiserin repräsentiert die Lebendigkeit, Fruchtbarkeit und Fülle der Natur, ebenso ihre Vielgestaltigkeit und Schönheit. Sie ist die Eine, die Alles ist: Große Gebärerin und Verschlingerin im Tode – die Mutter und Hüterin allen Lebens. Ihre Augen strahlen wie Sterne und ihr Gesicht ist voller Liebe. Doch ist sie nicht nur mild, gütig und sanft. Zu ihrer Weisheit gehört es, dass das Leben sich von Leben nährt und Zerstörung ein Teil des Schöpfungsgeschehens ist. In vielen Mythen gebiert sie einen Sohn, der später den Opfertod stirbt, durch die Unterwelt wandert und schließlich durch die Göttin, seine Mutter und Geliebte, wiedergeboren wird. So spendet sie Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Lust und Schmerz, Freude und Leid in nie versiegender, unerschöpflicher Fülle. Die Alten verehrten sie unter unzähligen Namen: Sie war Isis, Ishtar, Inanna, Astarte, Aphrodite, Demeter, Venus, Juno, Freyja, Kybele, Kali, Lilith – die Eine mit den Tausend Namen.
Auf dem Bild trägt die Kaiserin ein goldenes Zepter, dessen Spitze in den Himmel ragt, während das untere Ende in ihrem Schoß ruht. Sie scheint die unsichtbare, befruchtende Energie des Himmels in sich aufzunehmen und in der Tiefe ihres Leibes in irdisches, sichtbares Leben zu verwandeln. Der Adler in ihrem Arm repräsentiert die umgekehrte Richtung: Er steht für die aufsteigende Energie, die sich nach der Verwandlung von der Erde löst und wieder dem Himmel zustrebt. Auch der goldene Thron, auf dem die Kaiserin sitzt, besitzt die Form eines Flügelpaars. Die Kaiserin verbindet Himmel und Erde, Form und Formlosigkeit, die kreative Gestaltungskraft des Magiers und die Hingabe und Empfänglichkeit der Hohepriesterin. Die Art, wie sie das Wappenschild schützend im Arm hält, zeigt uns, dass diese Verbindung und Vereinigung durch die Liebe geschieht. Ihre Macht kommt von innen, aus der Tiefe ihres Herzens. Allein die Liebe vermag Gegensätze so zu verbinden, dass etwas völlig Neues geboren werden kann.
Das Wirkungsfeld der Kaiserin ist der Alltag, das Leben in der Welt. Sie ruft neues Leben ins Dasein, nährt es mit ihrer Liebe, hegt und pflegt es und begleitet geduldig sein Wachstum. Und sie ist auch diejenige, die das, was sie geboren hat, wieder in die Formlosigkeit zurückruft, wenn seine Zeit gekommen ist. Im Vordergrund steht jedoch auf dieser Karte das kreative Element. Die Geburt eines Kindes, das Anlegen eines Gartens, die Gestaltung eines warmen, nährenden Heimes, sowie alle Arten des künstlerischen Schaffens und der geistigen Inspiration sind ihre Domänen.
Sie ist die Mutter Erde selbst, die uns das Leben in einem irdischen Körper schenkt und uns lehrt, es mit allen Sinnen auszukosten. Ihr spiritueller Weg ist das Leben im Hier und Jetzt, in der Welt der Vielfalt. Ihre Kunst ist das schöpferische Tun: die Fähigkeit, unsere Wirklichkeit immer wieder neu zu erfinden. Die Kaiserin sieht, was ist, sie nimmt es bewusst an und erkennt die Grenzen und Möglichkeiten, die darin enthalten sind. Und gleichzeitig gestaltet sie es nach ihren Wünschen und folgt dabei ganz ihrer intuitiven Eingebung. Schließlich kommt der Zeitpunkt, wo sie das, was sie geschaffen, gepflanzt und gestaltet hat, wieder dem Fluss des Lebens anvertraut, mit dem es nach seinen eigenen Gesetzen wächst und sich weiterentwickelt. So, im ständigen Wechsel von Gestalten und Geschehenlassen, erschafft sie die Welt. Im Gegensatz zum Magier, der mit Illusionen spielt und Wirklichkeit aus dem Chaos ruft, nutzt die Kaiserin das, was da ist. Und im Gegensatz zur Hohepriesterin, die das Wesen der Dinge zwar erkennt, aber nicht verändert, greift die Kaiserin gestaltend und verwandelnd in die Wirklichkeit ein.
Dabei geht es ihr nicht nur um Heim und Familie oder die Früchte der Erde, wenngleich diese ihr besonders heilig sind. Der Adler, den sie so liebevoll umarmt, und ihre Sternenkrone zeigen, dass sie nicht nur die Mutter der Erde, sondern auch die Königin des Himmels ist. Sie fasst alle Kräfte des Lebens zu einer Einheit zusammen, überbrückt den Abgrund zwischen den Welten und lässt auf diese Weise die Funken der Inspiration sinnliche, greifbare Wirklichkeit werden. Wo immer wir also kreative Visionen und Ideen ins Leben rufen, ihnen Form und Gestalt geben und sie in der irdischen Welt sichtbar werden lassen, ist sie unsere Beschützerin und Begleiterin.
Während die Hohepriesterin eher als Hüterin von Geheimnissen auftritt, begegnet uns die Kaiserin ganz offen. Sie sitzt mitten in der Natur, mitten in der Welt. Auf dem Bild scheint sie fast mit der sie umgebenden Natur verwachsen zu sein, ganz und gar eingehüllt in deren üppige Schönheit und Fülle. Auch ihr Haar ist nicht von einem Schleier bedeckt, sondern fällt ihr frei über die Schultern. Doch beide, die Hohepriesterin und die Kaiserin, sind eng miteinander verbunden. Manche Interpretationen sehen in den beiden Karten ein Abbild der Allmutter Demeter und ihrer Tochter Kore, welche die jungfräuliche Weisheit und das heilige Herz der Mutter verkörpert. Die Göttin ist immer beides: sowohl jungfräulich, spirituell und umgeben von Geheimnissen, als auch sinnlich, sexuell und fruchtbar. In jeder Frau sind diese beiden Seiten der Weiblichkeit zu finden, unabhängig davon, auf welche Weise sie sich entscheidet, ihnen Ausdruck zu verleihen.