Die achte Karte zeigt uns eine Frau, die auf einem Thron zwischen zwei Säulen sitzt. In ihren Händen hält sie eine Waage und ein scharfes Schwert. Mit geradem, durchdringendem Blick schaut sie uns an. Die Gestalt, die uns auf diesem Bild begegnet, ist Maat, die Göttin der Gerechtigkeit, die Herrin der Waage und Hüterin des Naturgesetzes. Die Phönizier nannten sie Astraea, die Sternengleiche, bei den Römern hieß sie Libra oder Libera. Wenn wir ihr auf unserem Weg durch die Großen Arkana des Tarot gegenüberstehen, ist die Zeit der Jugend und der Initiation vorüber und die der inneren Reife steht bevor. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, die Zügel unseres Lebenswagens in die Hand zu nehmen und unser Schicksal entschlossen zu gestalten.
Die Gerechtigkeit steht am Beginn der mittleren Reihe. Über dieser spannt sich der Himmel aus, die geistige Welt, bevölkert von überirdischen Mächten, während sich darunter die irdische Welt mit ihren vielfältigen Naturgewalten erstreckt. Die mittlere Reihe hingegen repräsentiert das menschliche Dasein, das beide Welten berührt und an beiden Anteil hat.
Die Hüterin der Waage lehrt uns mit unbeirrbarer Klarheit, dass unsere Handlungen Konsequenzen haben. Wenn uns die Göttin der Gerechtigkeit gegenübersteht, werden wir mit den Folgen unseres Tuns konfrontiert. Ihr Urteil ist dabei keineswegs moralisch, sondern folgt den elementaren Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Es geht ihr nicht um Belohnung oder Bestrafung, sondern um Ursache und Wirkung. Ob wir uns entscheiden, ehrlich und authentisch zu leben, ob wir es vorziehen, kleinere und größere Unebenheiten unseres Daseins durch Ausflüchte und Notlügen zu kaschieren, oder ob wir Arglist und Blendung zur Lebensmaxime erheben, wird sich – fernab jeder Moral – auf unser Denken, Fühlen und Handeln auswirken und unterschiedliche Ergebnisse nach sich ziehen.
Die zwei Schalen der Waage in den Händen der Gerechtigkeit sind leer. Wir selbst sind es, die sie mit unserem Tun und Handeln füllen. Die Zahl dieser Karte ist die Acht und die liegende Acht ist ein Spiegelbild der beiden runden Waagschalen in den Händen der Göttin. An diesem Punkt unserer Reise sind wir aufgefordert, die Dualität des menschlichen Daseins auszubalancieren und scheinbar gegensätzliche Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen. Nachdem uns die Hohepriesterin und der Hierophant mit dem Gesetz der Polarität vertraut gemacht haben, sind wir nun aufgerufen, die Balance zwischen den Polen selbst herzustellen. Wir erkennen, dass es nicht allein auf uns, unsere persönlichen Wünsche und unser subjektives Wohlbefinden ankommt, sondern dass wir auch die Perspektive anderer Lebewesen berücksichtigen müssen, wenn wir in Harmonie leben wollen.
Die Hüterin der Gerechtigkeit lehrt uns, überlegt zu handeln und Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. Ihr Schwert und der Helm, den sie trägt, bringen zum Ausdruck, dass es großen Mutes und scharfer Urteilskraft bedarf, um diese Aufgabe zu erfüllen. Doch sie hält das Schwert weder in Angriffs- noch in Verteidigungsposition, sondern aufrecht wie ein Zepter. Es ist ganz aus Gold und erinnert uns daran, welch kostbarer Schatz das Selbstwertgefühl ist, das uns zuwächst, wenn wir in Übereinstimmung mit unseren Werten handeln, unsere Verpflichtungen einhalten und für das einstehen, was wir als wichtig und bedeutsam erkannt haben. Die Schwertspitze weist zum Himmel. Gerade und klar liegt das Schwert in der Hand der Göttin. Es fordert uns auf, an integeren und aufrichtigen Entscheidungen mit aller Kraft festzuhalten.
Indem wir die Herausforderung der Gerechtigkeit annehmen, lösen wir aus dem kindlichen Zustand der passiven Opferhaltung. Wir machen nicht länger die Umstände oder unsere Eltern für unser Schicksal verantwortlich, sondern sind bereit, unseren eigenen Anteil am Geschehen anzuerkennen und damit auch unseren Einfluss geltend zu machen. Das Schwert symbolisiert die goldene Klarheit der Unterscheidung, die Illusionen, Ablenkungsmanöver und Selbstbeweihräucherungen aller Art hinter sich lässt, um in ruhiger Nüchternheit zum Kern der Dinge vorzudringen.
Während das Schwert in der Rechten der Göttin die Senkrechte betont, sind die Waagschalen in ihrer linken Hand durch eine horizontale Achse verbunden. Sie sind nicht starr, sondern beweglich und symbolisieren die Relativität der menschlich-irdischen Erfahrung. Das Schwert steht für die allgemeingültigen, überdauernden Normen, Werte und Prinzipien, die unser Handeln leiten; die Waage hingegen erinnert uns daran, dass jedes Ereignis einzigartig ist und individuell ausgewogen werden muss. Die beiden runden Schalen repräsentieren das weiche, bewegliche Yin, während die Härte und Klarheit des Schwertes ganz erfüllt ist von Yang-Energie. Dem individuellen Gewissen stehen die allgemein gültigen Gesetze gegenüber.
Die Gerechtigkeit sitzt als Vermittlerin genau zwischen diesen beiden Aspekten. Ihr Blick gibt keinem von beiden den Vorzug, sondern sie schaut gelassen und ruhig geradeaus. Ihre Aufgabe, so viel wird deutlich, basiert nicht auf akkuraten Rechengleichungen, sondern wurzelt in tiefgehender, spiritueller Einsicht. Der Ausgleich, den sie uns anzubieten hat, ist rein kompensatorischer Art. Wir können das, was wir verloren haben, niemals zurückgewinnen, doch das, was uns stattdessen zuteil wird, wiegt das Verlorene am Ende auf.
Der Stab, der die beiden Waagschalen verbindet, trennt die beiden voneinander, so dass wir die polaren Kräfte klar voneinander unterscheiden können, und hält sie dennoch zusammen. Dies erinnert uns daran, dass die beiden Pole einer Angelegenheit stets miteinander in Beziehung stehen. Wollten wir sie voneinander trennen, würde das die Waage zerstören und ein Ausgleich wäre nicht mehr möglich. Das Wesen der Polarität ist fortwährende sanfte Bewegung. Harmonie ist kein starrer, fest umschriebener Tatbestand, sondern ein ständig nach Balance strebender Prozess, der bald der einen, bald der anderen Seite mehr Gewicht zuweist. Vielleicht zeichnen sich gerade deshalb die abgebildeten Waagschalen im Gegensatz zum sonstigen Bildaufbau durch eine besonders feine und elegante Linienführung aus.
Astraea, die Herrin der Waage, war eine Tochter der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit und der Ordnung. Sie lebte als letzte der Himmlischen während des goldenen, des silbernen und des bronzenen Zeitalters auf der Erde und verströmte dort ihren wohltuenden Einfluss. Die Grausamkeit und Gottlosigkeit der Menschen im eisernen Zeitalter ließen sie jedoch in den Himmel flüchten. Dort wurde sie zum Sternbild der Jungfrau, in dessen direkter Nachbarschaft sich das Sternbild der Waage befindet. Als Hüterin der Gerechtigkeit strebt sie nach lebendiger Harmonie und Schönheit, innerer Wahrheit und Integrität und dem Ausgleich der Gegensätze.